Die Russen in Grottewitz

Eine kleine Geschichte aus der Kriegszeit, die mir meine Großmutter immer wieder mal erzählte:
Am Ende des Krieges, es muss im Jahre 1945 gewesen sein, waren kurzzeitig russische Soldaten auf der Deditzer Höhe stationiert. Da Grottewitz am Fuß dieser Erhebung liegt, kreuzten ab und an einige der Soldaten im Grottewitzer Gasthaus auf, um Bier und Schnaps zu trinken und mitzunehmen.
Die Schmiede mit Gasthaus und Post bildete damals das Zentrum des kleinen Ortes und wurde von der Familie Alwin Hans betrieben. Die Grottewitzer hatten große Angst vor den Russen, weil man schon von schlimmen Vorkommnissen gehört hatte und sich diese schnell herumsprachen.
Wenn man in der Schmiede merkte, dass die Russen wieder mal erschienen waren, begab sich der Schmiedemeister schleunigst in die Gaststube, um seine Frau zu unterstützen und sie zu beschützen. Er war von großer und kräftiger Statur und niemals ängstlich, dadurch konnte er wohl auch die Russen etwas beeindrucken. Mehrfach sagten sie zu ihm: „Du Kapitalist!“ Da krempelte er seine Hemdsärmel hoch, zeigte auf seine Muskeln und sagte: „Ich hier Kapitalist!“
Im Allgemeinen verstand es das Ehepaar Hans, die Russen bei Laune zu halten und sie zu beschwichtigen, wenn es mal wieder zu eskalieren drohte.
Einer der Russen kam öfter allein, die Leute nannten ihn Nikolaus, vielleicht hieß er Nikolai oder so ähnlich. Er fuhr ein Fahrrad, wer weiß, von wem er es hatte. Mit dem Rücktritt schien er sich nicht auszukennen. Von der Deditzer Höhe geht es bis ins Dorf nur abwärts. Er setzte sich oben auf das Fahrrad, spreizte die Beine und rollte bis ins Dorf hinein. Das muss wohl sehr ulkig ausgesehen haben.
Da er kinderfreundlich war, liefen ihm die Kinder, vor allem die Jungen, hinterher. Die Familien akzeptierten das mit gemischten Gefühlen.
Es dauerte nicht lange, da kamen die Russen nicht mehr. Offensichtlich waren sie verlegt worden oder weitergezogen. Obwohl die Grottewitzer nicht wirklich schlechte Erfahrungen mit Ihnen gemacht hatten, war man doch erleichtert, insbesondere die Familie Hans.